• garcia833

WIE LANGWEILEN WIR UNS NICHT IN DER SCHULE?

Frage: „Liebe Frau Oehmen, unser Sohn kommt in der Schule nicht klar. Wie können wir ihm helfen? Er ist nicht dumm, aber er langweilt sich. Und dann macht er Unsinn und stört die anderen. Und dann wird er bestraft. Es geht ja auch nicht, dass er stört, aber was sollen wir tun?“


Antwort: Ohne die Sachlage im Einzelnen zu kennen, nehme ich hier mal eine bestimmte Perspektive ein, und zwar die halb-komische. Eine der vielen möglichen Perspektiven. Also: Das Problem nicht klarzukommen haben viele von uns. Es geht ja schon ziemlich früh los mit dem „sich Langweilen“ und „nicht Klarkommen.“ Zum Beispiel: Wenn wir es endlich geschafft haben uns durch den schmalen Geburtsgang zu quetschen und das blendende Neonlicht des Kreißsaales zu erblicken, werden wir geschlagen, damit wir schreien. Unser erstes Lebenszeichen basiert also schon auf Protest. Und dann müssen wir um alles betteln, keiner bekommt mit, wann wir Hunger bzw. Durst oder andere Bedürfnisse haben, nein, immer müssen wir erst „losbrüllen“, um unsere elementaren Bedürfnisse „gestillt“ zu bekommen. Wenn wir schlafen wollen, will es der Rest der Welt nicht, wenn wir schlafen sollen, sind wir nicht müde. Beginnen wir, unser Umfeld tatkräftig zu erobern, krabbeln hierhin und dorthin, um Gegenstände auf ihre Beschaffenheit hin zu untersuchen, auseinanderzunehmen, runterzuschmeißen, um zu hören, ob sie ein Geräusch machen oder vielleicht sogar kaputtgehen und in tausend faszinierende Kleinteile zerstieben, die dann wieder untersucht werden wollen - dann werden wir zurückgehalten, belehrt, wenn man die Geduld mit uns aufbringt, und beschimpft wenn nicht. Wir werden gefesselt und geknebelt durch Gurte und Schnuller, wir sollen hierhin und dorthin laufen und das ergreifen, was uns garantiert nicht interessiert und genau das loslassen, was wir fassen und halten wollen. Knebeln tut man uns, damit wir nicht schreien und zu viele Fragen stellen. „Du fragst mir noch Löcher in den Bauch!“, wirft man uns vor und stößt uns in den Abgrund nächtlicher Albträume. Das, was wir nämlich auf keinen Fall wollen ist Mutter oder Vater zu perforieren, denn Löcher im Bauch lassen leerlaufen und das kindliche Gemüt weiß sehr wohl, dass eine leergelaufene Person nicht viel Leben bis gar keins mehr in sich hat. Alles in allem also: ein schlechter Start für Erfinder, Wissenschaftler, Welteneroberer und... Schüler. Später nämlich verwandeln wir uns unentrinnbar in eben diese Schüler. Für Schüler gelten andere Gesetze: Sie sollen sich interessieren. Nicht für das Interessante, sondern für das, was man (jemand, wer eigentlich?) für interessant hält. Und sie sollen fragen. Natürlich nur das, was zum Unterrichtsstoff und Curriculum passt. Sie sollen protestieren, aber im geeigneten Rahmen der Textanalysen. Sie sollen sich bewegen, aber nur innerlich, denn sonst bricht das Chaos aus. Letztlich ist uns allen klar, dass wir eine Schule brauchen, die vor allem das berücksichtigt, was wir im Kleinkindalter beweisen: Wir wollen lernen. Wir alle wollen von Anfang an lernen. Keiner muss uns dazu zwingen. Wir sind an der Quelle oder besser: Wir sind die Quelle, aus der wir schöpfen können. Die Frage ist also: wie unterstützen wir unsere naturgegebene Neugierde und Entdeckerlust, damit wir uns als Schulkinder eben nicht langweilen? Wie halten wir unser Interesse wach? Wie erhalten wir Frische, Originalität, Unkonventionalität? Als Schüler und als Lehrer. Denn wenn sich die Lehrer mit ihrem Lehrstoff langweilen, werden es die Schüler auch tun. Nur wenn die Lehrer selbst Entdecker geblieben sind und die Lust am Lernen vorführen (dürfen), wenn sie sich praktisch an der Lernlust des Kindes orientieren, das sie selbst gewesen sind, wird Schule ein Ort der Lebenslust werden. Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ war ein unglaublich wichtiger Schritt in der Pädagogik. Es gibt mittlerweile viele kreative Einzelinitiativen, die zum Beispiel die Vernetzung der Fächer untereinander schon praktizieren. Die Schulpolitik scheint aber noch völlig überfordert zu sein und erstickt die Kraft der Schulleiter durch unzählige Verordnungen und Weisungen. Obwohl die Politiker das Thema „Schule“ in seiner Brisanz also seltsamerweise immer wieder verkennen und Raum geben für ein beispielloses Geflicke und Herumprobieren, wird sich Schule in den nächsten Jahrzehnten grundlegend ändern. Das ist vielleicht kein großer Trost für Ihren Sohn, aber für dessen Kinder sieht alles bestimmt schon ganz anders aus. Ich hoffe es. Für Sie, ihn und uns alle. Und was Sie ganz persönlich machen können ist: Rücksprache und Lösungssuche zusammen mit den Lehrern, denen Ihr Sohn sicher am Herzen liegt.




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